Predigt über Römer 8,26 (2022)

Georg Lichtenstein

29.10.2000 im Hochschulgottesdienst in der Aula der Universität Rostock

Römer 8, Vers 26: Desgleichen auch der Geist hilft unsrer Schwachheit auf...
Ist das nicht ein Anachronismus in unserer nach Leistungskriterien eingerichteten Welt? Jung sein, dynamisch sein, zum Erfolg verpflichtet sein - das sind die Herausforderungen unserer Zeit. Schwäche, Krankheit, Behindertsein sind Wettbewerbsnachteile. Schlimme Sprüche gibt es: Wer nicht arbeitet, braucht nicht zu essen! Noch schlimmer: mens sana in corpore sano. Das war einmal zwölf Jahre lang im verflossenen Jahrhundert weltanschauliches Credo. Erfunden hat dieses Axiom aber nicht Adolf Hitler, sondern vor neunzehnhundert Jahren Juvenal in seinen Satiren. Eine solche Behauptung ist nicht nur falsch und anhand von zahllosen Beispielen zu widerlegen, sie ist vor allem inhuman, dem menschlichen Empfinden nicht angemessen. Juvenal setzt einen gesunden Körper für das Vorhandensein eines gesunden Geistes voraus. Nun muß Gesundsein Schwachheit nicht ausschließen, sein Wesensmerkmal ist sie aber nicht. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf ist uns Christen versprochen, wie Paulus den Römern versichert. Im gleichen Kapitel behauptet er vorher in Vers 6: aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, aber geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.

Was ist Geist , was der Unterschied zwischen geistig und geistlich? Heißt es nun selig sind die geistig Armen oder sind die geistlich Armen selig? Ersteres gilt leicht als Seligpreisung der Dummheit. Die andere Lesart bedarf der Interpretation. Meiner Meinung nach ist der Text ein Paradoxon. In der Bibel finden sich viele Paradoxa. Doch davon später! Was verstehen wir nicht alles im Deutschen unter dem Wort Geist! Das reicht vom Heiligen Geist bis zum Gespenst. Eine Aufzählung wäre müßig. Hilfreich wäre eine Unterscheidung wie sie das Lateinische bereithält: mens, mentis umfaßt Geist im Sinne von Verstand, Gesinnung,
Vorstellung und dergleichen. Spiritus bedeutet Geist als Atem, Luft, Wille, aber auch transzendental als Seele und Hauch. Im Spätlateinischen wird Geist adjektivisch mit sanctus benutzt für heilig und unverletzlich. Es ist wohl eindeutig, daß in unserem Bibeltext Geist im Sinne von Spiritus zu verstehen ist, wie es im Psalm 33, Vers 6 heißt: ...durch den Geist seines Mundes.
Welche Gedankenverbindung drängt sich nun mir ganz persönlich bei diesem Bibeltext auf? Ich bin ein Mensch des Theaters, so sei es mir erlaubt, mich seiner Sprache zu bedienen, denn Theater ist ein Denken in Bildern. Eins seiner Ausdrucksmittel ist die Metapher. Eine solche ist für mich Shakespeares Szene zwischen Hamlet und dem Geist von Hamlets Vater. Dieser Geist ist beides in einem: Mens und spiritus. Mit anderen Worten: Der Geist ist das Gestalt gewordene Wesen von Hamlets ermordetem Vater, das einen ganz kategorisch vorgetragenen Auftrag an Hamlet ausspricht, nämlich:
Wenn du ja deinen teuren Vater liebtest, räch seinen schnöden unerhörten Mord!
Und Hamlet? Hilft hier der Geist seiner Schwachheit auf? Kann ein Geist, der Rache predigt, dem Geist verglichen werden, den Paulus meint, wenn er die Römer ermutigt, ihre Zweifel zu besiegen? Sind die Skrupel des Hamlet Schwäche zu nennen oder Frucht seiner humanistischen Bildung, die er an der Universität in Wittenberg erfahren hat?

Doch wie du immer diese Tat betreibst, befleck dein Herz nicht, ist die Mahnung des Geistes beim Abschied. Er spricht damit das Gewissen seines Sohnes an.
Auch unserer Schwachheit macht es der Geist nicht leicht. Bekanntlich hat Goethe seinen Faust den Grundtext des Neuen Testaments aus dem heiligen Original in sein geliebtes Deutsch übertragen lassen.

Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort. Hier stock ich schon! Faust verwirft die Vorrangstellung des Wortes, danach die des Sinns und die der Kraft und entscheidet sich schließlich:
.....und schreib getrost, im Anfang war die Tat!
Sie, die Tat, ist es, die meiner Meinung nach der Geist des Pauluswortes fordert, wenn er unserer Schwachheit aufhilft. Keiner Gedanken bängliches Schwanken, kein introvertiertes Sezieren des eigenen Ich. Also bedenkenlosen Aktionismus? Wohl kaum. Der Humanist Hamlet nahm vor 400 Jahren, nämlich im Jahre 1600, unser Rechtsverständnis voraus indem er sagte: Ich will Grund, der sichrer ist.
Er fordert einerseits ein Alibi für die legitime Forderung des Geistes nach einer Tat, um andererseits kleingläubigem Zweifeln an seiner Legitimation mit den Worten zu begegnen:
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt.
Heute habe ich außer meiner ganz persönlichen Auslegung eines Bibeltextes auch meinen ganz persönlichen Umgang mit dem Glauben damit in Zusammenhang zu bringen. Die eben zitierte Erkenntnis des Hamlet bedeutet mir in dieser Beziehung einen Schlüsselsatz:
Markus 9, Vers 24: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben! - ein weiteres Paradoxon in der Bibel, aber dem Erkenntnisprozeß hilfreich!
Realistische Vorstellungsmuster bestimmen unser Denken. Die fünf Sinne sind uns als Orientierungshilfen gegeben. Mit ihnen kann man auskommen, um zu existieren. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Um nur einen der unzählig vielen Gemeinplätze anzuführen, mit denen man sich allgemeiner Zustimmung gewiß sein kann. Aber da ist dann noch dieser Satz des Hamlet.
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt.
Er ist doch wohl nicht von der Hand zu weisen, oder? Auch wenn er weit weniger Akzeptanz erfährt als der andere Satz. In unserer, die Realität fetischisierenden Zeit sind Atheisten durchaus bereit, die Existenz von Außerirdischen für möglich zu halten, Horoskopen Glauben zu schenken, Wahrsager oder Wahrsagerinnen aufzusuchen und Ersatzreligionen zu verfallen. Auch für sie gibt es also Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich ihre hightec - gestylte Schulweisheit nichts träumen läßt.
Pfui, Lichtenstein, suchst Du nicht mit Sophisterei nach Glaubensbeweisen, weil es Dir an wirklichem Glauben gebricht?
Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!
Und er scheint mir damit zu helfen, daß er mir klar macht, wie unvollkommen ich bin. Ich armer, elender, sündhafter Mensch bekenne dir alle meine Sünden...u.s.w. - Entschuldigung! Ich kann einfach nicht in Selbstzerknirschung dahinschmelzen, wenn ich weiß, daß ich nach Gottes Willen unvollkommen geschaffen bin und daß er mich einem Leben ausgesetzt hat, dessen Spielregeln von allen Menschen außer Gottvertrauen ein gerüttelt Maß an Selbstvertrauen verlangen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott ist, meiner Meinung nach, als Leitspruch so unchristlich nicht.

Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben und ich will Grund, der sichrer ist.
Sicherer als was? Sicherer als Phantome wie Geistererscheinungen oder Träume jedenfalls.
Verstandesmäßig erwiesene Fakten sind Kategorien des Wissens. Glaubensbeweise sind anders. Sie werden erfahren. Dazu bedarf es der Bereitschaft, Phänomene wahrzunehmen, die sich verschlüsselt offenbaren können. Daß Thomas die Wundmale sehen wollte, ist ja so menschlich, aber eben keine Glaubenshaltung. Zwischen den Zeilen lesen ist auch lesen. Hinterfragen ist zwar ein neudeutsches Modewort aber es bezeichnet eine unabdingbare Glaubensvoraussetzung. Der Drang nach Erkenntnis führt nicht immer zu Beweisen. Er kann aber zu Gewißheit führen. Ihre Gültigkeit ist personenbezogen.
Ihr Wert ist in anderer Münze geprägt als der des Beweises. Er ist weder transferierbar noch mit irgendeinem System kompatibel.
Dichter haben die Gabe, Erkanntes in Worten zu komprimieren, es zu verdichten. Meint nicht Goethe dasselbe, wenn er sagt:
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.
Wenn es nicht aus der Seele dringt
und mit urkräftigem Behagen
die Herzen aller Hörer zwingt..

Ich halte diese Worte für eine verdichtete Definition von Glauben, die eine Gewißheit - jenseits jeder Beweislage - eine sozusagen absolute Wahrheit bekundet. Ist es nicht sie, die Paulus im 2.Korintherbrief im 12. Kapitel, Vers 9 meint:
Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig?
Oder wie die wörtliche Übersetzung aus dem Urtext heißen soll: denn meine Kraft kommt in deiner Schwachheit zur Vollendung.,

Noch ein Paradoxon!! Man spricht heutzutage oft von Denkanstößen. Stoßen wir uns nicht an dem Wort! Besser klingt vielleicht: Anregungen zum Denken. Das ist aber beliebiger in seiner Aussage: Man kann sich anregen lassen oder nicht. Das Paradoxon fordert heraus, indem man sich mit einem Widerspruch auseinandersetzen muß. Brecht hat im Leben des Galilei postuliert::
Das Denken ist die größte Vergnügung der menschlichen Rasse. Wenn es das nur wirklich wäre! Er hat, gewissermaßen als Denkwerkzeug, hierfür seinen sogenannten V - Effekt, den Verfremdungseffekt als Hilfe angeboten. Der soll bewirken, daß sich der Zuschauer bzw. der Leser nach der Schilderung eines Sachverhalts mit einer scheinbar unlogischen Konsequenz auseinanderzusetzen hat. Es soll sein selbständiges Denken herausgefordert werden, indem ihm unerwartete Lösungen angeboten werden, die scheinbare Logik soll zu Widerspruch zwingen. Mutter Courage sagt zu ihrer Tochter, der stummen Kattrin:
Sei froh, daß du stumm bist, da widersprichst du dir nie oder willst dir nie die Zung abbeißen, weil du die Wahrheit gesagt hast, das ist ein Gottesgeschenk, Stummsein.

Oder ein anderes Beispiel aus demselben Stück: Der Koch sagt zum Feldprediger::
Wenn sie nicht im Krieg ein so gottloser Lump geworden wären, könntens jetzt im Frieden leicht wieder zu einem Pfarrhaus kommen. Der Feldprediger antwortet:
Seit ich verlumpt bin, bin ich ein besserer Mensch geworden. Ich könnt ihnen nicht mehr predigen.

Provokation pur - zugegeben! Aber meiner Meinung nach mit dichterischer Meisterschaft komprimiert, gewohntes Denken infrage gestellt und zur Überprüfung freigegeben. Ist es nicht dasselbe Prinzip, wenn es im Korintherbrief heißt:

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig oder bei Matthäus:
Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben?
Ebenso Matthäus 19, Vers 24: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.
Die Reihe der Beispiele ließe sich wohl ad infinitum fortsetzen. Paradoxa als eine Form des dialektischen Prinzips, der Logik des Widerspruchs? Mit geht es nicht um die philosophische Dimension dieses Prinzips. Ich halte diese Kunst der Unterredung, die das Wort Dialektik im Griechischen bedeutet, für ungeheuer hilfreich im Erkenntnisprozeß, auch in Glaubensdingen. In der Bibel Brechts V-Effekte zu suchen, ist wohl ein abenteuerliches Unterfangen, aber vielleicht so abwegig nicht. Ein wesentlicher Unterschied ist gewiß der Sarkasmus, den Brecht seinen Schlüssen angedeihen läßt. Dennoch wäre Brecht nicht der erste Atheist, der an der Bibel sein Handwerk zumindest überprüft hat.

Um auf den gewählten Bibeltext aus dem Römerbrief zurückzukommen:

Der Geist hilft unserer Schwachheit auf!
Im nächsten Vers schreibt Paulus:
Der aber die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei und weiter.

Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen,
Wer hat sich nicht schon oft an diese Zusage gehalten, die ihm in seiner Schwachheit durch den Geist aufhalf, um Orientierung in so mancher Lebensfrage zu suchen. Johann Sebastian Bach schrieb, ehe er eine Komposition begann, oben auf das erste Notenblatt:

Soli Deo Gloria.

Ich will in diesem Sinne statt des Amen meine Bibeltextauslegung mit diesem Wunsch beenden:

Nur zu Gottes Ehre!

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Last Updated: 08/01/2022

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