"Gott hilft unserer Schwachheit auf" (2022)

Gnade sei mit euch …

Römer 8, 26-30

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

27 Der aber die Herzen erforscht, Gott weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich gestaltet sein sollen dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Geschwistern.

30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Liebe Gemeinde,

der Geist hilft unserer Schwachheit auf! Die Kraft des Geistes richtet die Kirche auf, sie richtet einen gerade neu eingeführten Bischof auf!

Die Zusage freut und ermutigt mich, denn die Erwartungen sind groß. Viele Fragen, die mir in den letzten Wochen gestellt wurden, galten der Schwäche der Kirche: Weht der Kirche nicht gerade der Wind ins Gesicht? Was wollen Sie tun, damit evangelischer Glaube und christliche Kirche wieder an Bedeutung gewinnen?

Ermutigen und trösten, belehren und beraten soll ich als Bischof. Stark sein also, so dass ich den Menschen etwas geben kann. Dass Gemeinden Mut bekommen, sich an Jesus zu orientieren. Dass möglichst viele Menschen in Baden erleben, wie sich die herrliche Freiheit der Kinder Gottes in der Welt ausbreitet. Und was mache ich mit meiner Schwachheit?

In den letzten Wochen habe ich oft Beratung gesucht und gefunden. Und ich bin froh über die viele Ermutigung, die mir geschenkt wurde. Paulus hat Recht: Die Kraft des Geistes richtet uns auf!

I

Paulus, der diesen Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben hat, weiß um seine Schwäche. Oft ringt er um Worte und baut lange Schachtelsätze, wenn die Gemeinden Kurzes und Zündendes erwarten. Deshalb schauen manche auf ihn herab.

Aber der Geist hilft Paulus auf. Er macht die Erfahrung, die ich mir auch für meine Berufung wünsche. Dass ich getragen bin. Dass Gott auch durch meine Schwäche seine gute Nachricht ausrichtet.

Dadurch kann ich leichter von mir absehen und bekomme die Kraft, die Augen und die Ohren offen zu halten für die Leiden in dieser Welt. Ich muss nicht wegschauen, wenn die Nachrichten schon neue Schreckensmeldungen bringen, bevor die alten Konflikte gelöst sind. Paulus hört damals die Klagen der römischen Sklavinnen und Sklaven; er sieht wie die Welt unter der Herrschaft der Sünde stöhnt. Wir ahnen, wie die in Nigeria entführten Mädchen oder die Opfer des Bürgerkrieges in Syrien seufzen.

II

Wie hilft der Geist unserer Schwachheit auf?

‚Aufhelfen‘ stelle ich mir zunächst ganz praktisch vor: Jemand stolpert, vielleicht an einer Baustelle, und fällt hin. Andere kommen dazu, helfen ihm oder ihr auf. „Haben Sie sich wehgetan?“ „Geht es wieder?“ „Soll ich Sie irgendwohin bringen?“

Im Wort ‚Aufhelfen‘ steckt Kooperation: Wer aufhilft, schaut, was die andere Person braucht. Wer aufhilft, überlegt, wie sie zu unterstützen und anzufassen ist.

So ist es auch, wenn die Kraft des Geistes meiner Schwachheit aufhilft; sie stellt sich individuell auf mich ein. Ich behalte meine Würde und meine Freiheit, obwohl ich Hilfe brauche. Da reißt mich niemand hoch; da passiert nichts über meinen Kopf und mein Herz hinweg. Denn das Ziel ist, dass ich wieder aufrecht stehe. Dass ich gestärkt bin und wieder handeln kann.

Oft geschieht das im Unscheinbaren: Die Nachbarin kommt regelmäßig herüber und setzt sich ans Krankenbett der Mutter, um die pflegenden Kinder zu entlasten. Damit sie mal raus kommen und Zeit für sich haben. Die Schneller Schule im Libanon nimmt syrische Flüchtlinge auf, christliche und muslimische, aus den verschiedenen Bürgerkriegsparteien, um ihnen Mut zu machen und sie auszubilden. Kleine Schritte gegen schwere Waffen; kleine Hilfen gegen die Schwachheit.

Der Heilige Geist hilft unserer Schwachheit auf und ermutigt uns, im Geist Jesu zu handeln.

III

Schlimm ist die Schwachheit, wenn wir nicht einmal mehr wissen, was wir beten sollen. Wenn sich Abgründe auftun, vor denen wir verstummen.

Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg. Ich habe in den letzten Wochen Feldpostbriefe gelesen. Sie erzählen, wie begeistert viele Soldaten aufgebrochen sind. Sie schildern ihre Angst im Schützengraben und die Sorgen der Familien zu Hause. Je länger der Krieg dauert, desto mehr wachsen die Zweifel, desto größer wird das Erschrecken. Heb meinen Brief auf, schreibt ein Vater an seinen elfjährigen Sohn, damit du ihn später lesen kannst; dann wirst du mich besser verstehen. Und er fährt fort: Vielleicht schreibt jetzt ein französischer Soldat genauso an seinen Sohn.

Am Ende geht vielen auch das Gottvertrauen verloren. Jedenfalls in den Gott, der als „Gott mit uns“ die Koppelschlösser ziert. Sie spüren: Ein Gebet, das Gott als Waffe gegen den Feind nutzt, findet keinen Widerhall.

Die Kraft des Geistes führt manche in die Umkehr. Ihnen wird klar: Wer beten will, wie es sich gebührt, kann nur für Frieden und Versöhnung und auch für die Feinde beten. 1939 weigern sie sich deshalb, Militärdienst zu leisten. Sie werden inhaftiert, einige getötet.

Der Geist richtet uns auf, aber er ruft uns auch zur Umkehr! Weg von einem Gott, der unseren Interessen dient; hin zu dem Vater Jesu Christi, der mitleidet und am Kreuz stirbt, damit wir Frieden haben und Schritte zum Frieden wagen.

IV

Der Geist hilft unserer Schwachheit auf und ermutigt uns wie Geschwister Jesu zu leben und zu handeln! Aber er hilft uns auch zum Hören und zu mehr Gelassenheit.

In der Geschichte von Maria und Marta wird erzählt, wie Jesus bei den beiden Schwestern zu Besuch ist. Die eine, Marta, macht sich viel zu schaffen. Sie trägt auf, sie schenkt ein; sie tut alles, damit es Jesus gut geht. Die andere Schwester, Maria, arbeitet nicht, sondern setzt sich zu Jesus und hört zu. Da fordert Marta von Jesus: Sag ihr doch, dass sie mir aufhelfen soll!

Marta ist eine selbstbewusste und aktive Frau. Sie ist die Gastgeberin; sie führt den Haushalt. Trotzdem will sie, dass ihr aufgeholfen wird. Was ist ihre Schwäche?

Die tatkräftige Marta ahnt, was Jesus meint, wenn er sagt: Maria hat das gute Teil erwählt. Denn sie erlebt, wie sich Maria durch die Kraft des Geistes aufrichtet. Wie sie durch das Zuhören von einem neuen Geist erfüllt wird. An diesem Geist will Marta auch Teil haben.

Der Geist hilft uns zu handeln, aber er lässt uns auch innehalten und führt uns zu Gott. Wir übernehmen Verantwortung für die Kirche. Wir wollen sie so gestalten, dass mehr Menschen entdecken, wie tröstlich der Glaube ist, wie die Botschaft Jesu uns einen Weg in eine gerechtere und friedlichere Zukunft weist. Doch wir stoßen mit unserem Machen an Grenzen.

Da richtet uns der Geist auf, indem er uns hören lehrt. Er hilft uns zu einer Gelassenheit, die die Sorge um die Zukunft der Kirche, Gott anvertraut. Ein neues Gleichgewicht zwischen Tun und Lassen, zwischen Arbeiten und Hören stellt sich ein. Maria und Marta gehören später beide zu Jesu Jüngerinnen. Sie vertrauen ihm und erleben, dass er ihren verstorbenen Bruder Lazarus zum Leben erweckt. Du bist Christus, der Sohn Gottes, bekennt Marta! Du stärkst mich und richtest mich auf; du weist mir den Weg in das Leben!

V

Die Kraft des Geistes richtet uns auf! Da, wo ich nicht weiß, was ich tun und beten soll, findet sie mit mir und für mich Worte. Da, wo ich mich abstrample und im Machen versinke, hilft sie mir innezuhalten und mich neu an Jesu Geist auszurichten. Da, wo ich verstumme, tritt sie für mich ein und seufzt so laut und so deutlich, dass Gott keinen Schmerz und keine Not überhört. Kein syrischer Flüchtling, keine nigerianische Schülerin, kein Sterbender ist bei Gott vergessen. Ihnen und uns allen gilt seine Zusage: Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

  • Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

    Landesbischof im Ruhestand

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Author: Carmelo Roob

Last Updated: 07/24/2022

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